Unwissen und Un-Wissen

„Ich wünschte, meine Eltern hätten mich in jenem Zustand der Unwissenheit belassen, in dem sie sich befanden, als sie eine Bombe erschlug,“ lässt Frederik Hetmann alias Hans-Christian Kirsch seine Romanfigur Harry Winter in seinem Roman „Mit Haut und Haar“ sagen. Im Grunde ist das ehrlich. Wissen ist Macht, sagt das Sprichwort. Nichts Wissen macht auch nichts, kommentiert der Sponti. Mehr Wissen verwirrt nur. Im Grunde genommen befinden sich viele Leute weiterhin im Zustand des Nichtwissens, den Harry Winter beschreibt. Nur denken sie, sie wüssten mehr, und so verwirrt treten sie auf.

Das wurde mir mal wieder im Verlaufe eines Wochenendes mit mehreren Zugfahrten offenbar, angefangen mit einer Fahrt von Berlin nach Magdeburg, in deren Verlauf ein Mitfahrer seine komplette Unkenntnis der amerikanischen Politik mit dem Satz „Wenn die Amerikaner Trump wählen, bin ich endgültig durch mit ihnen“ krönte. Ich musste mich sehr davon zurückhalten, dem guten Mann zu sagen, dass die Amerikaner noch nicht mal einen Scheiß darauf geben würden. Im Grunde genommen aber offenbart dieser Satz die Herangehensweise des heutigen Menschen an die Informationsflut, die ihn aus allen Richtungen erreicht, aus einer kompletten Position der Ich-Bezogenheit heraus. Immer noch denkt der Mensch, alles müsse so sein, wie er es sich vorstellt. Alle Informationen, die inzwischen zur Verfügung stehen, haben nichts daran geändert.

Und Bildung hilft auch nicht weiter. Wenn sich auf einer anderen Zugfahrt von Eschwege nach Göttingen zwei Menschen über Politik unterhalten und zu dem Schluss kommen, im Grunde genommen könnten unsere Politiker eh nichts machen, weil ja das Kapital über alles entscheide, könnte man ja grundsätzlich urteilen, Verschwörungstheorien seien immer schon das Mittel der geistig Armen gewesen, um ihre Einflusslosigkeit zu erklären. Allerdings verfügte die eine Gesprächspartnerin über einen Doktortitel der Volkswirtschaftslehre, während der andere Gesprächspartner als Journalist und Autor arbeitete und mit einer ehemaligen Redakteurin des Deutschlandfunks verheiratet war. Ganz offensichtlich sind also Verschwörungstheorien kein Anzeichen für Dummheit, und sie sind auch kein Beleg für Affinität zu rechtem Gedankengut.

Im Grunde besteht ja kein Unterschied, welcher Verschwörungstheorie – oder welchem Bündel hieraus – man anhängt, ob es sich um Reichsbürger, Aluhutträger, Antisemiten oder wie hier Kapitalismuskritiker handelt. Das Grundcharakteristikum ist, dass der Mensch davon ausgeht, dass die Welt in ihren Machtstrukturen nicht so ist, wie sie sich darstellt und wie sie sein sollte. Nach allen verbreiteten Theorien haben auch in demokratischen Systemen nicht die Wähler das Sagen, sondern dunkle Mächte im Hintergrund, die alles steuern, ohne sich zu erkennen zu geben. Das Resultat all solcher Theorien ist das Bekenntnis der eigenen Machtlosigkeit und eine gerechte, aber ohnmächtige Empörung hierüber, die in dem Schluss ausläuft, dass man es ja mal wieder gewusst hat. Man selbst steht auf der guten Seite, kann aber angesichts der Übermacht der Bösen nichts machen.

Vor allem aber sind solche Theorien wohl ein Anzeichen für grundsätzliche Verwirrung des Menschen in der heutigen Zeit. So war es auch schlüssig, dass die beiden Gesprächspartner, die sich wohl zufällig im Zug getroffen hatten, versuchten, anhand äußerer Zeichen Gleichgesinnte zu erkennen. Wirklich traurig wurde es, als die Doktorin der Volkswirtschaftslehre anhand des zweiten Vornamens Emmanuel und der Wollmütze ihres Gesprächspartners annahm, bei diesem handele es sich um einen Juden. Wie man eine Wollmütze für eine Kippa halten kann, ist mir rätselhaft. Ich sehe darin eine verzweifelte Suche nach einem Bezugspunkt in einer Welt, in der klare Bezugspunkte mehr und mehr abhanden gekommen sind.

Leider ließ mich dieses Erlebnis ebenfalls verzweifelt zurück, offenbarte es doch den vollständigen Zustand der Verwirrung, in dem sich unsere gebildete Klasse befindet, zu der ich mich traurigerweise auch rechne, auch wenn mir bereits im Studium klar wurde, dass mich Welten von den dort üblicherweise verbreiteten Denkmustern trennen. Auch damals war es für mich rätselhaft, wie Akademiker, die in einer freien Gesellschaft lehren und forschen durften, sich enthusiastisch für die gleichgeschaltete Gesellschaft der Sowjetunion begeistern konnten. Offenbar ist es so, dass auch Menschen, die aufgrund ihres wissensmäßigen Vorsprungs wissen, dass es keine klaren Bindungen mehr gibt, danach streben, diese Bindungen zu entwickeln. Dass dieser Weg in dieselben vereinfachenden Erklärungsmuster zurückführt, die dieselben Personen bei anderen Menschen verächtlich ablehnen, spielt hierbei offenbar keine Rolle.

Das soll jetzt nicht zu dem Vorschlag führen, sich wirklich in die Unwissenheit zurückzubegeben, selbst wenn ich zugeben muss, dass Unwissenheit im Zweifel die Grundlage einer glücklichen Existenz ist. Wenn man sich sein Leben in einem festen Gerüst von Gewissheiten eingebaut hat, sei es der Gewissheit eines festen Glaubens, sei es der Gewissheit eines klaren und hierarchisch gegliederten Gesellschaftsbilds, ist das Leben einfacher, weil man jederzeit weiß, wo man sich befindet und was von einem erwartet wird. Wenn das nicht der Fall ist, bedeutet das Unsicherheit, und Unsicherheit mag kein lebendes Wesen. Nur sollte es für denkende Menschen gerade anhand der jetzigen Informationsdichte klar sein, dass diese Unsicherheit besteht. Das zuzugeben wäre der erste Schritt, damit klarzukommen.

Der zweite Schritt wäre, sich selbst etwas zurückzunehmen. Wenn man zugeben würde, dass man die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat, wenn man versuchen würde, damit aufzuhören, die Welt anhand von Gut-Böse-Schemata zu erklären und wenn man sich darauf beschränken würde, in dem Teil der Welt zu agieren, in dem man sich auskennt, und hier einfach aufgrund jener Werte zu agieren, die man selbst für gut und richtig erkennt, wäre schon einiges gewonnen. Wie Außenminister Steinmeier bei einer Parteiveranstaltung diese Woche sagte – Der erste Schritt vor Engagement sollte umfassende Information sein. Aber nach den Erlebnissen der letzten Woche fürchte ich, dass das zuviel verlangt ist.

Verschwörungstheorien

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