Vereint gegen einen

Die Sache mit dem sog. Mobbing beschäftigt mich weiterhin. Ich verbringe viel Zeit mit Grübeln und Nachdenken. Hatte ja schonmal etwas unter dem Titel "Friendly Fire am Arbeitsplatz" gepostet. Seither hat sich die Lage ein wenig verschärft und das Feuer ist jetzt kein so freundliches mehr. Mein Gehirn paddelt bereits in Fransen gegrübelt in seinem Hirnwasser, weil die Problematik ist dermaßen vielschichtig und undurchsichtig, dass man dabei zu keinem Ende kommt. Da das Problem nicht klar abzugrenzen ist, sich der Feind, wenn man so will, aus einem Mischmasch an Gegnern zusammensetzt, teils eindeutig antagonistisch gestimmt, teils aus eigentlich formals neutralen und freundschaftlichen Lagern, sprich aus Kollegen, die sich immer mehr beeinflussen lassen, was zusätzlich schmerzt und den Eindruck nährt, zunehmend auf verlorenem Posten zu stehen. Ein kafkesker Albdruck, aus dem kein Erwachen möglich scheint. Es ist so verflucht kompliziert, steckt Methode dahinter.

Intelligentes Mobbing geht ungefähr so: Man verunsichere einen Menschen mäßig aber regelmäßig durch zweideutige, nicht völlig eindeutige Aktionen. Offensichtlich genug, um zu verwirren, vage genug, um es problemlos abtun zu können. Ab und an dann kleine eindeutigere Handlungen, Bedrohungen, aber noch unverfänglich. Das Zauberwort dabei heißt "Spaß". "Ich mache doch nur Spaß!" Mit dieser Formel wehrt man Beschuldigungen wirkungsvoll ab und lässt den Betroffenen auch noch dumm und zunehmend paranoid aussehen. Eine Form des langsam "Weichgekochtwerdens". Als Mittel des Angriffs dienen so Sachen wie finstere Blicke, komische Bemerkungen, Beleidigungen im Deckmantel des "Spaßes", Schmunzeln, Verlachen, Getuschel, "lustige" Scheinangriffe. Dabei achten die Aggressoren sehr genau darauf, wie die Verfassung des Opfers ist. Ist sie schon anderweitig angeschlagen, lohnen sich Aktionen besonders. Je mehr es Nerven lässt, desto größer der Spaß. Für die.

Rational spricht alles gegen handfeste Auseinandersetzungen. Wenn Hinweise und Warnungen stets absolut wirkunsglos verpuffen, will man irgendwann trotzdem zuschlagen. Das Gebot der Aggression. Aber man sollte es nicht. Vergangene Woche stand ich zweimal kurz davor, jemanden anzugehen. Mit Fäusten. Die Zeit dazwischen verbrachte ich mit der endlosen Suche nach friedlichen Lösungen und der dialektischen Auseinandersetzung mit den Fürs und Widers vielleicht doch zuzuschlagen. Man möchte das irgendwann so furchtbar gerne. Hass ist ein starker Trieb. Aber ich weiß natürlich, dass das eine Katastrophe wäre. Ich gefährde meine Gesundheit; muss es womöglich dann mit dem ganzen Mob aufnehmen, es ist ja nicht nur einer; als derjenige, der zuerst zuschlägt habe ich dann auch rechtlich die Arschkarte, denn körperliche Gewalt ist nur als Verteidigung gegen unmitterlbare Gewalteinwirkung statthaft; ich verliere meinen Job und womöglich versinke ich privat in Paranoia, weil der Menschenschlag, um den es hier geht, findet Rache glaube ich recht schick. Generell will ich mich grundsätzlich nicht mit Zwanzigjährigen kloppen müssen. Ich bin schon froh, wenn ich so halbwegs gesund bleibe. Die Vernunft rät also dringend Ignoranz. Lass die machen. Lachen. Und reden. In Sprachen, die ich nicht verstehe. Leider ist das aber verdammt schwer auf Dauer. Man hat seinen Stolz. Und man möchte nicht als feige gelten.

Am Anfang gelingt einem das Ignorieren noch. Aber wenn man merkt, dass die Stimmung langsam kippt, vor allem dass sich bisher freundschaftlich gesinnte Kollegen plötzlich mit den Mobbern verbünden, wird es schmerzhaft. Das Ignorieren gelingt nicht mehr. Jeder kleine verbale oder gestische Stich beginnt Wirkung zu zeigen. Mittlerweile bin ich dünnhäutig und ständig geladen, bin enttäuscht von diesen geistigen Tieffliegern, den ehemals guten Kollegen, die ebenso keinen Funken Empathie zu besitzen scheinen, und ich bin enttäuscht von mir. Vor allem von mir, der ich damit nicht klarkomme. Schlage ich zu gewinne ich vielleicht etwas Selbstachtung, verliere aber trotzdem massiv. Den Job. Die Gesundheit, etc..
Reagiere ich nicht, verliere ich Selbstachtung. Ein hohes Gut. Man schlägt sich nämlich unablässig selbst in die Fresse, wenn man sich nicht irgendwie effektiv wehrt. Um diese Fragen kreisen meine Gedanken am Arbeitsplatz unaufhörlich. Ich komme dabei auf keine Lösung. Eine Lose-Lose-Situation. Mit dem Chef will ich das nicht wirklich bereden. Ich fürchte wohl, dass er es bagatelisieren könnte und das würde alles sehr verschlimmern. "Ist alles bestimmt nur Spaß. Krieg dich mal wieder ein! Sind doch alles nette Leute und vor allem - gute Arbeiter!" Und ich will nicht auch noch eine Petze sein.

Was sind das für Leute, was geht in ihnen vor, bzw. nicht? Geht da überhaupt etwas vor sich? Denken? Empathie? Wahrscheinlich. Blanker Hass pervertiert nur deren Hadlungsmotivation ins gerade Gegenteil. Empathie bestätigt dann sozusagen den Erfolg. Sobald man anfängt Nerven zu zeigen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Der Aggressor hört auf, lässt es gut sein. Dann war es gerade noch Spaß. Tut er es hingegen nicht, sondern im Gegenteil, macht er immer weiter und dreht sogar noch etwas auf, stecken wohl blanker Hass und Sadismus dahinter. Und wer grundlos hasst, oder zum Vergnügen, ist extrem minderbemittelt.

Solche Individuen verhöhnen einen dann natürlich, weil man sich nicht physisch wehrt. Obwohl sie es besser wissen müssten. Hätten sie soetwas wie Größe. Aber auch nichtbeteiligte Kollegen lachen und tuscheln irgendwann. Dabei müsste ihnen allen klar sein, dass das gar keine Option für jemanden mit Latten am Zaun ist. Sie sind in der Überzahl und auch alles andere spricht dagegen. Es wäre total idiotisch aus meiner Perspektive. Dass man die ehemals guten Kollegen an diesen Irrsinn verliert ist besonders zum aus der Haut fahren dabei.

Die Welt der einfachen Arbeiter, eine andere kenne ich leider nicht, ist häufig ein dumpfer, Testosteron-gesteuerter Macho-Kindergarten. Eine Ansammlung von Männer-Karikaturen, von ratlosen Vätern wohl in diese Welt gezeugt und mit einem Ehrbegriff ausgestattet, der keine Größe kennt, weil er nur auf Aggression und Einschüchterung fußt. Außer Selbstverliebtheit und homoerotische Bewunderung für alles Männliche, man muss sich nur mal ihre Selfies auf Facebook geben, ist da nicht viel Großes in diesen ordentlich geschorenen Eberschädeln.

Womöglich rutschen mir demnächst doch die Fäuste aus. Wenn ich dann noch kann, folgt Teil drei. ;)

Soziale Phobien, Mobbing, Misanthropie