Verlasst Eure Safe Spaces!

Es wundert mich ja, dass der Artikel zu “Safe Space” bei Wikipedia noch nicht auf Deutsch vorliegt, nachdem sich das Konzept inzwischen auch in Deutschland mit der Kampagne gegen Hate Speech zu einem Grundprinzip zur Gestaltung des öffentlichen Raums auswächst. Im Beginn nur in Bildungsinstitutionen verwendet und auf den Schutz von wegen ihrer geschlechtlichen Eigenschaften diskriminierten Studenten konzentriert, hat sich der Terminus inzwischen in den öffentlichen Raum ausgebreitet und wird auf alle Individuen angewandt, die sich marginalisiert fühlen und diese sicheren Räume nutzen können, um ohne äußeren Druck über ihre Marginalisierung sprechen zu können. Wie der englischsprachige Artikel anmerkt, wird das Konzept der Safe Spaces kritisiert, weil es der freien Meinungsäußerung entgegenstehe.

Im Grunde ist da auch etwas dran. Alle Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, zu verhindern, dass jemand durch Äußerungen, die ihn verletzen könnten, in seinen Gefühlen geschädigt wird, verhindern ja auch, dass diese Äußerungen überhaupt getätigt werden, selbst wenn diese Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt werden. Und inzwischen wird eine breite Spanne von Äußerungen unter Hate Speech klassifiziert, und das selbst dann, wenn diese Äußerung objektiv der Wahrheit entsprechen. Es reicht, dass sie die Gefühle dessen, an den sie sich richten, verletzen.

Witzigerweise gibt es eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Gruppen, für die das Konzept des Safe Space nicht gilt. Darunter fallen beispielsweise Angehörige der katholischen Kirche, von Schützenvereinen und Studentenverbindungen. Gewiss, diese Gruppierungen gelten nicht als marginalisiert, aber bedeutet das, dass ihre Gefühle nicht schützenswert sind? Alte, heterosexuelle, weiße Männer scheinen sich inzwischen im öffentlichen Diskurs als die Alleinverantwortlichen an allen Unglücken der Weltgeschichte herausgestellt zu haben, aber steht ihnen deswegen kein Safe Space zu? Stellt nicht alleine das Vorhandensein von sicheren Räumen für bestimmte gesellschaftliche Gruppen und das Fehlen solcher sicherer Räume für andere Gruppen eine Diskriminierung dar?

Aber im Grunde ist das Unsinn. Im Grunde bedeutet die Einrichtung von Safe Spaces eine Ausgrenzung der gesellschaftlichen Gruppen, denen diese Safe Spaces dienen sollen, durch diese selbst. Jeder, der von seiner Umgebung verlangt, dass diese sich jeglicher kritischer Äußerungen an seinem Verhalten und seiner Person enthält, grenzt sich damit selbst aus, weil er sich damit an eine spezielle Position innerhalb seiner Umgebung setzt. Wenn man also eine Normalisierung von LGBT erreichen will, nur als Beispiel, ist die Einrichtung von Safe Spaces für LGBT genau das, was vermieden werden sollte. Safe Spaces grenzen von der als feindlich empfundenen Umwelt ab und ermöglichen einen Ausstieg aus der realen Welt. Im Grunde kann jeder User von Facebook dieses Phänomen bestätigen, das dadurch entsteht, dass man nur noch mit Äußerungen konfrontiert wird, die der eigenen Meinung gleichen, weil der eigene Freundeskreis bei Facebook tendenziell aus Menschen besteht, die einem ähnlich sind. Facebook schafft Safe Spaces für alle, die sich das wünschen und sich mit Personen umgeben, die ihnen gleichen. Facebook diskriminiert da nicht und schafft auch Safe Spaces für Nazis, Rassisten, Islamisten und Verschwörungstheoretiker. Der Ursprung der Hate-Speech-Kampagne ist, dass der öffentliche Diskurs genau diesen Gruppierungen keine Safe Spaces zugesteht.

Alle organisierten Strukturen, seien es Ämter, Vereine oder Unternehmen, stellen eine mehr oder weniger gut entwickelte Parallelwelt dar, aber sie dienen der Struktur, nicht dem einzelnen Mitglied. Die Schaffung dieser Parallelwelt, die Abspaltung von der Außenwelt ist nicht ihr Zweck. Das ist bei Safe Spaces anders. Der Einstieg in ihre Parallelwelten hat immer etwas von Rückzug, von Aufgabe, was der Einzelne aber nicht bemerkt, denn innerhalb dieser Parallelwelt kann man leicht zu der Ansicht gelangen, alle Menschen dächte so oder müssten wenigstens so denken wie man selbst. Man wird irgendwann davon ausgehen, dass die Welt so aussehen müsse wie in dem geschützten Raum, und man wird es unterlassen, dies einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Für eine kritische Überprüfung braucht es nämlich im Normalfall einen Anstoß von außen.

Abgesehen davon stellt sich die Frage, was eine wirkliche Verletzung der Gefühle des Einzelnen sind, derentwegen Safe Spaces ja notwendig sind. Nicht jeder, der subjektiv als rechts wahrgenommen wird, ist es auch, und nicht alles, was als verletzend wahrgenommen wird, ist auch verletzend gemeint. Ein bisschen Reflektion würde helfen, um das zu begreifen. Die oft aufgegriffene Äußerung des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat“ könnte man beispielsweise auch mit „Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Teil der bunten Gesellschaft in Deutschland“ übersetzen. Nur weil Herrmann das N-Wort benutzt, ist er kein Rassist, und indem man sich über solche gefühlten Rassismen bewusst und vorsätzlich aufregt, indem man künstliche Sprachregelungen schafft, die nur für einzelne gesellschaftliche Gruppen gelten, vertieft man den Graben zwischen den gesellschaftlichen Gruppen weiter und verhindert jegliche Normalisierung, die im Alltag doch bereits erreicht wäre. Inzwischen gibt es selbst bei Burschenschaften Schwarze und Asiaten. Aktivisten, die eine Umbenennung der Berliner Mohrenstraße fordern, wirken da nur kontraproduktiv.

Deswegen – Verlasst Eure Safe Spaces und macht Euch klar, dass es um Euch herum auch eine reale Welt gibt, die Euch nicht entspricht. Setzt Euch mit dieser reale Welt auseinander und bezieht Stellung für Eure Belange. Nehmt die Konfrontation an, wenn sie Euch angetragen wird, aber sucht sie nicht, und gesteht anderen Menschen ihre Meinungen zu, selbst wenn sie Euch verletzen. Hört auch mal anderen Menschen zu und versucht sie zu verstehen. Nehmt andere Meinungen zur Kenntnis, aber ignoriert sie, wenn sie objektiv begreifbar von Idioten geäußert werden. Schafft Euch so eine Position in der realen Welt, denn das ist besser, als sich in seinen virtuellen Safe Space zurückzuziehen und die reale Welt unter Protest auszuschließen.

Safe Spaces