Was uns Tucholsky über die Zukunft lehrt

Wenn man den Erzählungen Kurt Tucholkys glauben darf, dann erscheinen einem die goldenen Jahre des frühen zwanzigsten Jahrhunderts als eine Keimzelle des freien Denkens und gleichermaßen ein bedenklicher Nährboden für vernichtende Ideologien.

Zwischen prunkvollen Palästen und Theatervorführungen, zwischen lasziver Moral und enthemmten Exzessen ging die Gutbürgerlichkeit aber auch die Bitternis der vorigen Jahre verloren. Im glänzenden Taumel der Sorglosigkeit verloren viele ihre natürliche Furcht vor dem Bevorstehenden. Mit fast wollüstiger Sehnsucht nach persönlicher Erfüllung, vergaßen viele die Wichtigkeit eines demokratischen Staates für eine freiheitliche Gesellschaft.
Denn im Trubel des goldenen Zeitalters herrschte in der Bevölkerung bereits ein latentes Gefühl der Unruhe. Die Leiden des ersten Weltkrieges noch im Bewusstsein, taumelten apathische Bürger den künftigen Unruhestiftern wie der NSDAP in die Arme.

Wenn heute rassistische Botschaften formuliert werden, geht man zwar subtiler vor, die Quintessenz des Gesagten variiert aber nur wenig. „Die Anderen“ sind häufig schuldig an einer gesellschaftlichen Unstimmigkeit, einer spürbaren Anomalie. Das auf viele komplexe Problematiken häufig keine leichten Antworten folgen dürfte einleuchten, scheint aber nicht mehr dem Zeitgeist zu entsprechen.
An Tucholskys Schriften fasziniert besonders die Leichtigkeit, die im starken Kontrast zu den schweren Zeiten für einen linken Publizisten stand. Tucholsky sprach zwei Sprachen: Deutsch und Ironie mit einem sarkastischen Dialekt. Zwar konnte der Schriftsteller vor seinem Tod lediglich den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft erleben, wohl aber vermochte er es bereits zu Lebzeiten der rassischen Rhetorik zu trotzen.

In der Erzählung „Der Löw‘ ist los“ beschreibt der Autor einen unternehmungslustigen Berliner Löwen, der auf der Suche nach Freiheit aus dem Zoo ausbricht. Die Stadt befindet sich daraufhin in heller Aufruhr und beginnt eine regelrechte Hetzjagd auf das Säugetier aus der Savanne. Tucholsky beschreibt während der rasanten Suche die Reaktionen der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Besonders eindrücklich ist dabei die Tatsache, dass der Berliner lediglich ironisch beschreibt, wie beispielsweise die deutsche Volkspartei beginnt Plakate mit der Aufschrift »Mitbürger! Der Löw' ist los! Wer ist daran Schuld? Die Juden! Wählt die Deutsche Volkspartei!« anzufertigen. Er ahnt nicht, dass bereits wenige Jahre später Plakate mit einer ähnlichen Aufschrift deutsche Straßen zieren- und eine unheilvolle Entwicklung einleiten werden.
Das psychologische Phänomen der kollektiven Schuldzuweisung ist also bereits ein häufig angewandtes Mittel im Kampf gegen die eigene Vernunft, deshalb allerdings nicht weniger unangenehm und gefährlich für eine Gesellschaft.

Aus diesem Grund ist es unabdingbar, dass wir dem Vergessen trotzen. Auch wenn es nicht populär erscheinen mag, sich die Gräueltaten der Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, ist es dennoch notwendig. Wir sind vielleicht nicht Schuld am Holocaust, wohl aber wären wir Schuld, wenn wir nichts daraus lernten.

Erich Kästner charakterisierte Kurt Tucholsky einst als „kleinen dicken Berliner, der mit einer
Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten wollte.“ So pathetisch es klingen mag, wir befinden uns an einem geschichtlichen Scheidepunkt über die Zukunft unserer Gesellschaft, unserer Werte und unserer Lebensart. Aus diesem Grund sollten wir dem Erbe Tucholskys folgen und uns ebenfalls um eine differenzierende, freiheitliche Gesellschaft bemühen und Geschichte verhindern, bevor diese uns eines Tages richtet. Untätigkeit ist schließlich eine leidenschaftslose Kapitulation vor unserer eigenen Mündigkeit.

Erinnern

http://www.textlog.de/tucholsky-der-loew-ist-los.html