Welchen Horror verkraften Kids?

Noch bevor ich irgendwelche Filmkategorien im Kopf parat hatte wirkte jeder Film unmittelbar auf mich und ich hielt die Dinge, die sich in ihnen ereigneten, egal ob lustig oder schaurig, für real. Da war ich noch sehr jung, so im Kindergartenalter. Alles, was da in der Flimmerkiste stattfand, egal wie fake es auch sein mochte, war echt. Punkt. Man hat als Anfänger auf dem Gebiet einfach noch keinen Vergleichsmaßstab und kein Bewusstsein für Künstlichkeit. Himmel, ich hielt sogar meine Oma hinter einer billigen Plastikmaske für den echten Nikolaus! Dass sich beim Sprechen nichtmal sein Mund bewegte hielt ich keinesfalls für verdächtig oder hinterfragenswert.

So mancher Film, den ich in jungen Jahren total kaufte, ist mit heutigen Augen betrachtet eine ziemlich wackelige Schießbude, dass es mir beinahe schleierhaft ist, wie ich überhaupt darauf hereinfallen konnte. Aber ich tat es.

Ich glaube was mich zuerst verstörte waren gar nicht Gewalttätigkeiten in Filmen, da vermutlich noch zu abstrakt. Zunächst war es mehr so der Horror, der sich aus nachvollziehbaren Dramen ableiten ließ. Zum Beispiel sein Zuhause zu verlieren, ohne Eltern in der Fremde zu landen, etc.. "Der Zauberer von Oz" war da ein Film, der mich tief beeindruckte und auch ein wenig brannte. Die grüngesichtige "Wicked Witch" darin wurde für mich zu einer Symbolfigur dieses Schreckens. Oder Filme, die in Heimen spielten, von Kindern handelten, die keine Eltern mehr haben. Oder einfach "Hänsel und Gretel" als Bettgeschichte. Tatsächlich bekam ich manchmal Märchen erzählt, abwechselnd von beiden Elternteilen. Vor dem Schlafen. Schätze mal, dass die obligatorischen Happy Ends schlimmeres Ungemach des Nachts verhinderten. Solange eine Geschichte gut ausging, war alles in Butter und die darin enthaltenen Schrecknisse weitgehend vergessen. Wehe aber wenn nicht. Wenn ein Film oder eine Geschichte nicht gut ausging, war das nur sehr schwer zu verarbeiten. Ich glaube sehr jungen Kindern darf man nichts vorsetzen, das keinen guten Ausgang hat. Selbst wenn es ironisch gemeint oder Part einer schwarzhumorigen Komödie ist. Es fehlt das Verstehen.

In einer "Der Alte"-Folge (glaube ich wenigstens) übergießt sich ein Typ am Schluss mit Benzin, ich meine ein noch sehr junger Pierre Franckh, und zündet sich an. Abspann. Das ging mir lange nach. Selbstmord ist ultra bizarr für einen jungen Verstand und dann auch noch so. "Aktenzeichen XY … ungelöst" fand ich auch heftig. Egal wie die Laiendarsteller darin auch "geknallcharget" haben mochten, es war "echt". Und es gab natürlich ausschließlich "Unhappy Ends", weil ja "ungelöst" und so. Dagegen waren die Grausamkeiten vieler Märchen tatsächlich kein Problem. Denn "sie leben" ja "noch heute, wenn sie nicht gestorben sind".

Was ich zunächst ebenfalls nicht immer gut verkraften konnte waren Verfremdungen mittels Filmtricks. Und zwar wenn Menschen dadurch komisch agierten. In irgendeinem, eigentlich lustigen Film, gab es einen Moment, in dem eine Protagonistin mit den Augenlidern klimpert. Das wurde per Zeitraffer sehr beschleunigt. Ist natürlich lustig. Aber ich hatte soetwas noch nie gesehen und reagierte verstört. Was macht die Tante da mit ihren Augen?! Ist die eine Maschine? Apropos Augen. Mein Opa konnte seine Augenlider irgendwie hochklappen, so dass man das rote Fleisch der Innenseiten außen sah. Wirkte so, als sei da was in seinem Gesicht explodiert. Ich fand das immer gruselig, aber doch lustig. An die ersten Male vor meinem Erinnerungsvermögen, die mich dann als heulendes Häuflein Elend zurückließen, kann ich mich vermutlich nur nicht mehr erinnern.

Entstellte Gesichter sind, aber vor allem waren etwas, das ich generell sehr heftig fand. Lange Zeit empfand ich so etwas sogar schlimmer als Gewaltdarstellungen. Im Englischen "Facial Trauma" genannt. Entweder durch Gewalteinwirkung oder schlicht Verwesung. Heute liebe ich hässliche Monster- und Zombiefressen, aber als Kind bedeuteten sie das Maximum an Grusel. Sogar als etwas älteres Grundschulkind konnte ich eine Kassettenhülle aus meiner heiß geliebten H.G. Francis Horrorserie kaum ansehen. Sie zeigt einen verwesenden Zombiekopf mit fies starrenden, hervortretenden Augen: "Die Insel der Zombies". Eine der letzten Folgen, die ich erstand. Genau aus dem Grund. Vermutlich, weil nichts so sehr für eine Person steht, wie das Gesicht, speziell die Augen. Man setzt es mit dem Wesen gleich, ohne Umwege, ohne Kontext. Erst wenn man erwachsener wird bekommt man es hin da notfalls zu abstrahieren. Aber leicht ist es nicht. Krasse Gesichtsveränderungen bleiben schwer verkraftbar. Vor allem bei Menschen, die man lange kennt. In Filmen hingegen lernt man den daraus resultierenden Grusel zu genießen.

So richtig traumatisiert hat mich, was unter anderem das angeht, vor allem "Die Stunde, wenn Dracula kommt", den ich an anderer Stelle hier bereits besprach. Aber da war ich schon fast ein Teenager.

Doch nochmal zur Gewaltdarstellung. Was ich als jüngeres Kind in der Hinsicht höchstens zu sehen bekam waren Jesus-Filme. Ein Mann wird gedemütigt, mürbe gedroschen und dann zum Trocknen an ein Kreuz genagelt. Das fand ich eigentlich auch recht heftig. Aber nicht so traumatisierend. Das war ja ein Superheld irgendwie und ein Happy End gehörte einfach dazu. Ich empfand es als eine sehr extreme Form von unverdienter Züchtigung. Was Folter ist und bedeutet, davon besaß ich noch keine Vorstellung. Es war halt nicht schön. Backpfeifen sind ebenfalls nicht schön. Oder Opas Spucke-Taschentuch im Gesicht zur Entfernung von Schaschlik-Spuren. Oh, the humanity…!

Also kurz zusammengefasst würde ich empfehlen, kleineren Kindern Filme zunächst zu ersparen, die mit Verlust der Eltern und des Heims zu tun haben, die Menschen sich komisch gebärden lassen, in denen Selbstmord thematisiert wird, es keinen guten Ausgang gibt und vor allem Gesichter durch den Wolf des Fleisches oder der Zeit gedreht werden. Dann dürfte man safe sein. Zumutbar sind Filme, in denen Menschen gepeitscht, erniedrigt und an Holzlatten befestigt werden. Solange sie Superhelden sind. Aber dazu raten würde ich jetzt auch nicht direkt. Schon aus ideologischen Gründen.

Kinder, Horror