wer ist hier geschmacklos?

nein. ich war nie charlie und bin es auch heute nicht. denn: manche der zb. „islamkritischen“ karikaturen, die ich mir anfang es jahres im zuge der allgemeinen „je suis charlie“-massensolidarität angesehen habe, erinnern mich einfach zu sehr an die alten nazi-propaganda-bildchen vom ewigen juden. das mag ironisch-subversiv gemeint sein, und ist vielleicht auch geschmackssache, aber für mich war diese mit rassistischen stereotypen operierende auseinandersetzung nie identifikationswürdig.

heute ist die allgemeine stimmung gegen charlie hebdo gekippt. heute entrüstet sich die netzmehrheit über bilder, die zb. den ertrunkenen flüchtlingsjungen namens aylan vor einem mcdonalds-werbeschild mit der aufschrift „sonderangebot: zwei kindermenüs zum preis von einem" zeigen; überschrift: „willkommen flüchtlinge – so nah am ziel“.

man wirft also den charlie-hebdo-machern geschmacklosigkeit vor. aber diese geschmacklosigkeit wird zumindest in diesen karikaturen ja nicht erfunden, sondern nur sichtbar gemacht. nicht charlie hebdo war in diesem fall geschmacklos – das system, in dem wir leben, ist geschmacklos. und die auseinandersetzung mit dieser geschmacklosigkeit ist wichtig, auch und gerade weil einem dabei das lachen im hals stecken bleibt.

der vorwurf, charlie hebdo missbrauche den tod des jungen für satirische zwecke, ist jedenfalls in meinen augen nicht haltbar. denn: was sind „satirische zwecke“? satire – das scheint vielen kritikern nicht klar zu sein – hat per definitionem nicht den auftrag, „witzig“ zu sein. satire steht in der verantwortung, den finger in die gesellschaftliche wunde zu legen und einen anderen, kritischen blickwinkel auf das aktuelle politische geschehen zu eröffnen. das hat charlie hebdo me. hier getan. das kann und darf man zynisch finden – aber wir leben eben in einer zynischen welt. quod erat demonstrandum.

charlie hebdo

http://www.sueddeutsche.de/medien/kritik-an-satirezeitschrift-charlie-hebdo-karikiert-toten-aylan-1.2649743

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