Wer kollaboriert mit wem?

Das Gesicht meiner Welt ist im Wandel. Es ist ein schleichender Prozess, das Lebensgefühl ein anderes als noch vor wenigen Jahren. Ich vernehme das Bröckeln im Gefüge unserer Gesellschaftsordnung immer deutlicher und es fühlt sich inzwischen chronisch an. Der Terror an sich ist es nicht. Es ist das was er mit uns macht. Und wie schnell er das vermag. Ich habe mehr Angst vor uns mittlerweile als vor den vereinzelten Terroristen mit ihren manchmal glückenden Aktionen.

Gesellschaftliche Spaltung ist auf dem Vormarsch, sie wird die paar Terroristen noch wie Weisenknaben aussehen lassen fürchte ich. Ein Blick in die "sozialen" Medien macht Angst. Auf Arbeit ist es nicht besser. "Die Asylanten, die unser Geld in den Arsch gestopft bekommen und wie die Maden im Speck davon leben, bringen uns zum Dank dafür um!" So in etwa der Tenor. Wie schnell da von ein paar faulen Äpfeln auf alle geschlossen wird ist atemberaubend. Als ob Asylanten sich ununterbrochen aufführten wie die Axt im Wald. Das Bild das die meisten Leute von Asylbewerbern haben ist vergleichbar mit dem, was "Der Stürmer" einst über gewisse Menschen zu sagen hatte. Aber halt, keine Nazivergleiche bitte. In meinem Feundeskreis gibt es Leute, die direkt mit Asylanten zu tun haben. Eine Freundin von mir unterrichtet Flüchtlinge, bringt ihnen Deutsch bei, eine andere verbringt ehrenamtlich einen Teil ihrer Freizeit damit, sich um solche Leute anderweitig zu kümmern. Die Geschichten, die ich da zu hören bekomme, zeichnen natürlich ein vollkommen anderes Bild. Wenn ich dann den verbalen Dünnschiss meiner Kollegen kurz nach so einer Tragödie zu hören bekomme, dann ist es echt hart, nicht die Luft anzuhalten, bis der große Lichttunnel kommt. Diskutieren möchte man da gar nicht mehr. Schließlich ist man auf Arbeit und die Nerven haben so schon genug zu bewältigen. Auf dem Level hätte es auch gar keinen Sinn mehr fürchte ich.

Was da an kritischer Masse zwischen den Lagern entsteht ist besorgniserregend. Weil es so vollkommen unterschiedliche Anschauungen sind, geformt einerseits durch eine tradierte, grundsätzlich skeptische bis hasserfüllte Haltung, die keinerlei echte Begegnungen kennt und andererseits eben jene, die tatsächliche Begenungen oder zumindest eine realistischere, humanistisch geprägte, rationale Haltung pflegt, die weniger mit Annahmen zu tun hat, sondern mit ihrem Gegenteil.
Ja, der undankbare Asylant, der mit seinem Luxus-Kreuzfahrtschiff hier bei uns aufschlägt und dann die Hand aufhält, wenn er nicht gerade auf die Straße kackt, unsere Frauen sexuell belästigt oder massenmordet. Der Kampf gegen den Terror sollte auch ein Kampf für jene und mit jenen sein, die seine Opfer sind, egal woher sie kommen. Und das sind nicht in erster Linie wir, selbst nach so einer Katastrophe wie auf dem Berliner Weihnachtsmarkt nicht. Es sind die, die kein Zuhause mehr haben, kein normales Leben, dafür aber reichlich Angst und Traumatisierung. Die und wir gegen die Terroristen. Nicht wie es jetzt ist, wir und die Terroristen gegen Asylanten und letztlich gegen uns selbst. Wir sind Kollaborateure des Terrors, wenn wir uns so leicht von ihm instrumentalisieren lassen.

Ermüdent zu wiederholen, aber das Ziel des Terrors ist das, was er gerade mit uns macht. Und gemessen daran, dass sich trotz Terror die Lebensgefährdung des Einzelnen statistisch kaum erhöht hat, ist es entlarvend, eine rechtslastige Politik zu beobachten, die da sofort wieder dankbar lospurtet, ihren Überwachungsstaat weiter voranzubringen.

#BerlinAttack, Terrorismus, Asylanten

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