Wir sind viele - Aufschrei gegen sexualisierte Gewalt im Netz

In letzter Zeit bin ich nicht mehr so viel in den sozialen Medien unterwegs, sie sind mir einfach zu unsozial. Aber heute fiel mir in meiner Timeline auf, dass einige Facebook-Freundinnen „Me too“ in ihren Status geschrieben hatten, zusammen mit der Aufforderung, sich öffentlich dazu zu bekennen, Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein.

Eine Facebook-Bekannte schrieb:

„Not once, not twice, but HUNDREDS of times have I been sexually harassed by men. "Normal" men. It happens ALL the time!“

Und ich dachte so: Ja. Dabei bin ich absolut nicht der Meinung, dass alle Männer Arschlöcher sind oder so. Es gibt halt einfach nur so viele Arschlöcher, dass man an jeder Ecke einem begegnen kann. Auch das ruft #MeToo, zumindest vorübergehend, ins Bewusstsein.

Publik wurde die Aktion dank Alyssa Milano, die Ihr vielleicht noch aus „Wer ist hier der Boss?“ oder "Charmed" kennt, als Reaktion auf die Missbrauchsaffäre um Harvey Weinstein (siehe Referenz). Die Schauspielerin wollte mit der Verbreitung von #MeToo ein Bewusstsein dafür schaffen, wie viele Frauen es eigentlich wirklich sind, die von sexueller Belästigung, Nötigung usw. betroffen sind bzw. waren. Wobei natürlich davon auszugehen ist, dass sich viele von ihnen an der Aktion nicht beteiligen, schließlich ist es immer noch ein Tabuthema.

Und schließlich weiß man ja, wie das so läuft mit gut gemeinten Hashtags. Man gibt etwas von sich preis für eine gute Sache, und am nächsten Tag ist die gute Sache wieder unter einem Riesenwust aus anderen Meldungen begraben. Dafür wissen jetzt alle in deiner völlig unübersichtlichen Freundesliste, dass dir so was passiert ist, und du wirst angreifbar. Ein scheiß Gefühl, zumal es ja auch immer wieder Idiot*innen gibt, die sich ihren Teil in der Art dazu denken (oder gar äußern): „Ja, kein Wunder, so wie die rumläuft“ oder „Selber schuld, wenn die nachts alleine auf die Straße geht“. Nicht, dass ich solcherlei Bullshit nicht schon hundert mal gehört hätte, so wie viele andere Frauen auch. Ich muss das nicht mehr haben.

Ich habe also kurz überlegt, ob ich mich dazu noch mal äußere oder nicht (ich habe es auf whicee im #koelnhbf-Kontext schon getan, und die Reaktionen waren echt durchwachsen); am Ende habe ich mich dann doch dazu entschieden, mein „Me too“ noch mal beizusteuern. Einfach, weil ich es wichtig finde, dieses Tabu zu brechen und einen offenen Diskurs darüber zu schaffen. Nur wenn wir endlich bereit sind zu verstehen, dass es sich bei sexueller Gewalt um ein strukturelles Problem handelt, nicht um ein paar bedauerliche Einzelfälle, kann sich vielleicht etwas ändern.

#MeToo, Sexuelle Belästigung, Alyssa Milano, Harvey Weinstein

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/harvey-weinstein-me-too-twitter-aufruf-von-alyssa-milano-a-1173042.html