Zahnlose Alte

Hu hu, sie ist wieder da, die Hexe von Blair, und Millionen von Horrorfans dürften angesichts ihrer angekündigten Rückkehr wohl schon seit Wochen vor Aufregung hysterisch durch die Wälder rasen. Aber bringt sie es noch, die teuflische Alte in den Wäldern, von deren (vermutlich) scheußlichem Antlitz kein Lebender je erzählen konnte? - Die Antwort ist traurig, jedenfalls für mich und wahrscheinlich alle anderen, die gehofft hatten, noch einmal diese bis ins tiefste Mark gesickerte Angst von 1999 zu fühlen.

„The Blair Witch Project“ war ein Phänomen, das dem Genre seinerzeit formal ganz neue Wege erschloss, und tatsächlich einer der Filme, die mich wie wohl auch viele andere am nachhaltigsten beeindruckt, um nicht zu sagen geschädigt haben, im positiven Sinne. In Sachen Beklemmung für mich kaum zu übertreffen und tatsächlich dafür verantwortlich, dass ich mich zwei Jahre lang nachts nicht mehr in den Wald getraut habe.

Doch im Gegensatz zum subtil nagenden Horror, den die alte Hexe von Blair (über das erste Sequel möchte ich hier mal kein Wort verlieren) für immer in meine eigentlich ja absolut waldbejahende Seele pflanzte, hat die neue „Blair Witch“ mich primär körperlich traumatisiert, mit Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit, die ich so noch nie im Kino erlebt habe. Wohl wegen der exzessiv wackelnden Handkamera, deren Einsatz auch schon im ersten Teil nicht ganz ohne war - aber da war es der Horror halt einfach wert.

Die neue Hex' setzt dagegen auf die bekanntlich nicht immer gute Devise „Viel hilft viel“, also mehr Gewackel = mehr Hysterie = mehr Grusel. Eine Rechnung, die hier überhaupt nicht aufgeht. Tatsächlich habe ich mich nicht einmal wirklich gegruselt (okay, einmal ein bisschen erschreckt vielleicht), was vor allem daran lag, dass die seinerzeit schockierenden Effekte des ersten Teils hier eigentlich nur aufgewärmt, aufgeblasen und unnötig in die Länge gezogen werden.

Schade, denn ein paar der wenigen neu hinzugefügten Ideen hätten sogar wirklich Potenzial gehabt, echten Horror zu erzeugen, verpuffen aber dadurch, dass man es einfach nicht wagt, sie zu Ende zu erzählen und stattdessen auf Nummer sicher und die altbekannten Waldwege einfach noch mal geht.

Auch der durchweg aus normschönen, irgendwie langweiligen Hollywoodmenschen zusammengesetzte Cast trägt nicht gerade zur einmaligen Authentizität bei, die den zurecht abgekulteten ersten Teil ausmachte. Vielmehr denkt man an die unzähligen Teenie-Slasher, die seit „Scream“ nach dem Motto „Da waren's nur noch zwei“ erzählt wurden und wird irgendwie von Anfang an seltsam müde.

Alles in allem ein okayer Film – allerdings nur für Leute, die nicht zu Wackelkamera-Seekrankheit neigen und den ersten Teil nicht kennen oder zu unheimlich fanden.

Blair Witch, Horrorfilm

https://www.youtube.com/watch?v=M01LOJvED1Q

Anzeige: