Zurück auf der Insel – Die Unplugged-Konzerte von A-ha

Man wird langsam alt. Viele Mitglieder der Internetgemeinde werden wahrscheinlich Probleme haben, sich vorzustellen, wie es war, Anfang bis Mitte der 80er Jahre in die Pubertät einzusteigen und gleichzeitig als klavierstunden- und chorerfahrener Sprößling eines bildungsbürgerlichen Haushalts seine ersten Schritte außerhalb der geordneten Welt der klassischen Musik zu unternehmen. Mein Trompetenlehrer versuchte damals, mich per Schocktherapie von meinem Irrweg in die populäre Jugendkultur abzubringen und schenkte mir eine Schallplatte von ACDC, aber die Seuche der Popmusik hatte mich bereits ausreichend intensiv erwischt, dass ich wusste, dass es noch etwas Anderes auf dem Markt gab als die kreischende Stimme von Brian Johnson zu dröhnenden Gitarrenriffs, und dass auch Pop- und Rockmusik nicht unbedingt laut sein musste.

Im Grunde waren die 80er ja der Einstieg in das Musikzeitalter, in dem sich die Szenen aufspalteten, in dem jeder Mensch erstmals auf dem Musikmarkt wirklich seinen eigenen Musikgeschmack entwickeln konnte und sich nicht nur anhand von Klassik und Rock, sondern auch anhand diverser Untergattungen oder auch diverser Bands identifizieren konnte. Die Medien hinkten damals noch intensiv hinterher und versuchten, der Jugend weiter Schlager als Jugendkultur zu verkaufen. Die Sendeanstalten waren damals halt noch von einer Generation bestimmt, die in den 50ern in verrauchten Rockschuppen gegen ihre Eltern rebelliert hatten und sich nicht vorstellen konnten, dass irgendeine Generation in der Lage sein würde, diesen Aufstand jemals zu toppen.

Wie jeder mit klassischer Musik aufgewachsene Jugendliche war ich mit dem Geschrammel der 70er nicht zu locken gewesen. Wenn man seit frühester Jugend Musik gemacht hat, kommen einen die ständig wiederkehrenden Harmoniefolgen der Schlagerhölle verflucht eintönig vor, und der Begriff Beats per Minute entbehrt jegliche Attraktivität. Es war gut, dass in dieser Situation eine Gruppe junger Norweger auf der Bühne der internationalen Musikszene erschien und es schaffte, tatsächlich einen eigenen Stil zu haben, ohne dabei abgefahren zu wirken. Gut, das Ganze wurde natürlich getragen durch die einzigartige und widernatürliche Stimme von Morten Harket, aber ohne die eigenwilligen Kompositionen von Pal Waaktar, der jedem Song einen eigenen Charakter verlieh, wäre das Ganze nichts wert gewesen. Magne Furuholmen im Hintergrund hielt das Ganze zusammen. Es reichte im Grunde der erste Lied, Take on me, und ich gehörte mit einer Bindekraft, die sonst nur Fußballfans kennen, zur A-ha-Gemeinde.

Inzwischen sind Massen an Songs dazugekommen. Hunting high and low, The Sun always shines on TV, Stay on these Roads, Scoundrel Days, Lamb to the Slaughter. Zwischendurch kam ich auch mal vom Weg ab und verhörte mich in Lieder anderer Bands. Why can’t I have you von The Cars, Der Chor der Blöden von Westernhagen, Into Temptation von Crowded House, um nur einige zu nennen. A-ha trennte sich nach einigen Drohungen öffentlichkeitswirksam mit Butterfly, Butterfly, aber das nahm man nicht mehr so wahr. Alles geht irgendwann vorbei. Dem entsprechend überraschend kam dann in diesem Jahr die Nachricht, dass sich die Band wieder zusammentan hat und im Rahmen der Reihe MTV-unplugged Konzerte gegeben hat. Hier war die alte Band wieder, aber sie war ganz anders. Irgendwie klassisch, aber gleichzeitig auch immer noch sie selbst.

Natürlich sollte klar sein, dass alleine das Grundkonzept Unplugged eine gewisse Attraktivität auf den Musikliebhaber klassischer Prägung ausstrahlt, denn es erzeugt selbstgemachte Musik, bei der nachweisbar ist, dass jeder einzelne Ton noch Ausdruck der schöpferischen Kraft des Musikers ist und nicht dem Musikcomputer entstammt. Dazu stellt die Notwendigkeit, die gewohnte Elektronik beiseite zu lassen, den Musiker vor die Aufgabe, seine eigene Tätigkeit einer Überprüfung zu unterziehen und neue Wege zu finden, um seine Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Als Ergebnis stellt sich mehr oder weniger automatisch ein neuer Sound ein, der im Normalfall leiser, ruhiger und nachdenklicher ist.

Ein wunderbares Beispiel dieser Gattung liefert der Auftritt von A-ha in der alten Heimat, zur Mitsommernacht auf der norwegischen Insel Giske. Rund 250 Gäste waren bei den beiden Konzerten in der kleinen Halle mit Blick aufs Meer anwesend und erlebten eine Band, die manche der Besucher bereits als Jugendliche liebgewonnen hatten, auf eine vollständig andere Weise. Melancholisch und lyrisch spielten sich die drei Jungs, die ganz offensichtlich älter geworden, aber dennoch überraschend jung geblieben sind, mit mehr oder weniger bekannten Gästen und einer ausgewählten Hintergrundgruppe auf teilweise überraschenden Instrumenten durch ein Potpourri ihrer alten Songs, aufgelockert durch neue Lieder, die so klangen wie ehedem, aber doch neu waren. Unglaublich immer noch die geniale Stimme von Morten Harket, Pal Waaktar in einer unauffälligen Nebenrolle an der Gitarre, und Magne Furuholmen in der eigentlichen Führungsrolle der Band und mit verschiedenen, teilweise sogar eigentümlichen Tasteninstrumenten. Das war keine Musik zum Tanzen, sondern um sich zurückzulehnen und auf sich wirken zu lassen. Und um mitzusingen, ganz besonders zu beobachten in dem Video zu Take on me, in dem Zwischenschnitte durchaus gesetzte Damen zeigen, die überraschend textsicher die Texte mitsingen und dabei sichtlich gelöst ihre eigene Jugend neu erleben.

Für mich persönlich waren natürlich meine All-Time-Favourites Stay on these Roads, Forever not yours and Hunting high and low die Hämmer dieser Konzerte. Aber das ist natürlich subjektiv, genauso wie wahrscheinlich nur die A-ha-Fanatiker überhaupt mitbekommen haben, dass die beiden Konzerte im hohen Norden Europas stattgefunden haben. Dennoch, und auch wenn für mich als Textzeile für dieses politische Jahr vor allem Highway to Hell infrage kommt, und selbst wenn der Ausrichter der Konzerte, MTV, natürlich für alles an der internationalen Musikindustrie steht, was ich ablehne, sind diese beiden Konzerte für mich der Soundtrack des Jahres 2017, als Zeichen, dass manche Dinge bleiben, selbst wenn sie sich verändern, selbst wenn sie eine andere Gestalt annehmen und ganz neu daherkommen. Manchmal ist selbst das besser.

Mein Song 2017